Das Portfolioparadox

Am letzten Wochenende war ich auf dem Hamburger educamp (#ec10hh). Es war die erste Veranstaltung dieser Art, die ich besucht habe und es hat mir wirklich gefallen. Zur gesamten Veranstaltung vielleicht später mehr.

Zwar hatte ich im Vorfeld schon überlegt eine Session zu Portfolios anzubieten, mir dann aber gedacht, dass es dazu wahrscheinlich sowieso ausreichend Angebote geben wird. Dem war nicht so. So ergab sich im Gespräch mit Sebastian Plönges am Freitag ergab sich, dass auch er aus aktuellem Anlass Interesse an einer Session zu Portfolios und vor allem an der Diskrepanz zwischen offenem Format und Lenkung durch Lehrer/ Dozenten hatte. Außerdem interessierten sich Kerstin Mayrberger und Christina Schwalbe genau für diesen Bereich.

So entschieden wir also mehr oder weniger spontan (ich habe mir sagen lassen ein Tag vorher ist für ein Barcamp nicht mehr spontan ;-) ) am Samstag eine Session anzubieten und einigten uns auf genau dieses Diskrepanz. Außer einigen Gesprächen im Vorfeld, mal zu zweit mal zu dritt haben wir die Session nicht weiter vorbereitet.Vorab kann ich sagen es ergab sich eine interessante Diskussion an der Schnittstelle von Theorie und Praxis.

Das Problem der inhaltlichen Steuerung oder “Wie kultiviere ich die Freiheit bei dem Zwange?”

Ausgegangen sind wir alle von dem Problem, dass ein Portfolio eigentlich ein sehr offenes und persönliches Format ist, in dem der eigene Lernprozess reflektiert wird. Gleichzeitig stehen wir vor dem Problem, dass Portfolios wenn sie in der Schule oder Universität eingesetzt werden häufig auch zur Bewertung genutzt werden. Vor allem dann, wenn sie herkömmliche Formate wie Hausarbeiten etc. ersetzen sollen. In der Diskussion kamen wir schnell dahin, dass es hier um ein grundsätzliches Problem beim Lernen handelt.

Ein weiteres Problem zeigt sich auf Seiten der Lernenden. So berichteten einige aus eigener Erfahrung, dass ihnen zunächst gar nicht so klar gewesen sei, was sie denn nun in so ein Portfolio / Blog reinschreiben sollen. Leitfäden oder Schreibanlässe von Seiten der Lehrenden wurden hier als positiv zum Schaffen von Schreibanlässen gewertet, die es ermöglichen dann auch freier loszuschreiben. Ein großer Vorteil, den ich bei Blogs als Portfolios sehe, wurde teilweise kritisiert: Die Sinnhaftigkeit von Kommentaren anderer Lernender wurde in Frage gestellt und mehr Feedback (somit auch mehr Kontrolle?) durch die Lehrenden gewünscht.

Unsere Frage, die wir in die Session hineintrugen, war also, wie man mit dieser Doppelfunktion umgehen kann. Dazu stellten zunächst einige vor wie sie Portfolios in der Lehre (wenn ich es richtig verfolgt habe, gab es nur Beispiele aus der Hochschullandschaft) einsetzen. Schon hier zeigte sich, es gibt viele Formate und viele unterschiedliche Herangehensweisen vom Blog bis zu spezialisierter Software.

Bewertung

Im Spannungsfeld zwischen Steuerung und Selbststeuerung steht natürlich auch die Bewertung. Hier wurden unterschiedliche Modelle diskutiert:

  • Selbstbewertung
  • Bewertung durch Dozent
  • Bewertung durch die Peer-Group
  • Grundlage für eine mündliche Prüfung
  • Kombination der Bewertungen

Das Spannungsfeld erweitert sich also neben der inhaltlichen Steuerung um den Aspekt der Bewertung und es stand die Frage im Raum, wie man ein Portfolio gleichzeitig zur individuellen Begleitung von Lernprozessen nutzen kann und als Prüfungsinstrument einsetzen? Sicherlich ist dies gar nicht immer notwendig, aber in einigen Kontexten m. E. dennoch sinnvoll. Denn so lassen sich auf einer recht pragmatischen Ebene herkömmliche Prüfungsleistungen wie Hausarbeiten ersetzen.

Lösungsansätze

In der Kürze der Zeit schafften wir es nur zu einigen Lösungsansätzen, aber sicherlich sind die auch wieder je nach Anwendungskontext verschieden. Einen Lösungsansatz habe ich oben schon beschrieben. Um die anfänglichen Schreibblockaden zu lösen, sind vorgegebene Schreibanlässe sicherlich ein gutes Mittel. Außerdem bin ich der Meinung, dass dadurch die Bewertung vereinfacht werden kann. In der Diskussion fiel dabei das Schlagwort „digitales Hausaufgabenheft“ (leider weiß ich nicht mehr von wem …) Dies finde ich aber überhaupt nicht schlimm, bietet dieses Format doch trotzdem einige Vorteile:

  • Einbettung in digitale Medien, Möglichkeit zur Verlinkung von Inhalten …
  • Vernetzung: Lernende und Lehrende können sich gegenseitig im Verlauf des Lernprozesses kommentieren. Hier bin ich der Ansicht, dass gerade Kommentare von Lernenden sehr sinnvoll sind. Eine Vielzahl an Perspektiven wird möglich und Lernende, die gerade am selben Problem „dran“ sind oder waren können sich unterstützten. Die Meinung des Lehrenden halte ich dabei für überbewertet.

Ich denke hier sind vielfältige Zwischenformen zwischen „reinem“ Portfolio und „digitalen Hausaufgabenheften“ möglich. So unterschiedlich wie die Anwendungskontexte sind können meines Erachtens auch die Portfolios sein (Die Beispiele reichten auch vom persönlichen, für andere nicht zugänglichen Entwicklungsportfolio zum eher an Grundsätzen des Wissensmanagements ausgerichteten Beispielen).

Zum Problem der Dualität eines Portfolios, in dem der Lernprozess reflektiert wird, welches aber gleichzeitig auch bewertet wird fallen mir nur grundsätzliche Ansätze ein. Die Bewertungskriterien müssen offen sein. Die Idee der gegenseitigen Bewertung gefällt mir wirklich gut. Marcel Kirchner, der auch in der Session war, hat dazu gerade Bewertungskriterien erarbeitet, die ich mir in den nächsten Tagen mal ansehen werde. Gleichzeitig ist es natürlich wichtig deutlich zu machen, dass der Prozess im Vordergrund steht, dass nicht die Form sondern der Inhalt im Fokus steht und dass Fehler ausdrücklich erlaubt sind, da nur durch diese gelernt werden kann.

Fazit

Ich fand es sehr spannend zu sehen, wie unterschiedlich die Möglichkeiten, Anwendungskontexte und Adressaten von Portfolios sind, dass aber die Grundfragen prinzipiell gleich bleiben. An dieser Frage muss man sicherlich dran bleiben und ich bin gespannt, wie sich in meinem aktuellen Anwendungskontext diese Punkte gestalten. Vorgenommen habe ich mir aufgrund der Anregungen ein aktives Kommentieren in den Blogs der Seminarteilnehmer.

Eine guten Hinweis gab Sebastian noch gegen Ende der Diskussion. Es gelte die Paradoxien mit der Zeit aufzulösen, so können anfangs z.B. Schreibaufgaben gegeben werden, die es dann ermöglichen „Flow“ zu erleben und sich evtl. weiter mit dem eigenen Portfolio zu beschäftigen.

Die Session empfand ich als sehr lebendig. Es war nicht falsch so spontan in so ein Gespräch zu gehen und wir sind recht schnell auf das eigentliche Problem gekommen. So kann ich mich Kerstins Kommentar eigentlich nur anschließen. Beim nächsten Mal hätte ich auch ein bisschen mehr vorbereitet, aber es lief vielleicht wegen der so spontanen Auseinandersetzung so lebhaft. Einen Dank hierfür auch nochmal an alle Teilnehmer!

Christina hat schon während der Diskussion angefangen im wiki die wichtigsten Punkte zu protokollieren, ich bin dann später eingestiegen. Für mich war auch dies das erste Mal, wo ich gleich parallel in ein wiki protokolliert habe und muss sagen: Es klappt.

Ein wichtiger Aspekt fehlt noch: Vormachen! Nur wenn anhand Beispielen gesehen wird, dass nicht immer fertige Gedanken präsentiert werden müssen, dass nicht alles 100%ig fehlerfrei sein muss usw. traut man sich den Schritt nach vorne. Also: Keep on blogging!

Nun hoffe ich, dass die Diskussion im Netz weitergeht!

Material

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